Wertschätzung ist mehr als Lob
- Anja Rühlemann

- 7. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
"Wertschätzung" gehört heute zu den am häufigsten verwendeten Begriffen in der Arbeitswelt.
Kaum ein Leitbild kommt ohne ihn aus. In Stellenausschreibungen wird eine wertschätzende Unternehmenskultur versprochen. Führungskräfte werden aufgefordert, ihre Mitarbeitenden mehr zu loben.
Doch je häufiger ein Begriff verwendet wird, desto größer wird die Gefahr, dass sein eigentlicher Inhalt verloren geht.
Deshalb lohnt sich die Frage:
Was bedeutet Wertschätzung eigentlich?
Viele Menschen verbinden damit Lob.
Ein freundliches Wort.
Ein Dankeschön.
Ein Schulterklopfen nach einer gelungenen Leistung.
All das kann Ausdruck von Wertschätzung sein.
Es ist jedoch nicht ihre Grundlage.
Lob bezieht sich meist auf ein Ergebnis.
Es sagt:
"Das hast du gut gemacht."
Wertschätzung richtet sich dagegen an den Menschen.
Sie sagt:
"Ich nehme dich ernst."
Dieser Unterschied verändert vieles.
Ein Mensch kann kritisches Feedback erhalten und sich trotzdem wertgeschätzt fühlen.
Genauso kann jemand regelmäßig gelobt werden und dennoch das Gefühl haben, nicht wirklich gesehen zu werden.
Denn Wertschätzung zeigt sich selten in großen Gesten.
Sie zeigt sich in den kleinen Erfahrungen des Arbeitsalltags.
Wird zugehört, ohne sofort zu unterbrechen?
Werden Informationen rechtzeitig weitergegeben?
Werden Entscheidungen nachvollziehbar erklärt?
Darf jemand Fragen stellen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen?
Werden Fehler genutzt, um gemeinsam zu lernen – oder um Schuldige zu suchen?
All diese Situationen beantworten eine viel tiefere Frage:
Bin ich hier als Mensch wichtig?
Aus psychologischer Sicht ist diese Erfahrung von großer Bedeutung.
Menschen möchten dazugehören.
Sie möchten Einfluss nehmen können.
Sie möchten erleben, dass ihr Beitrag einen Unterschied macht.
Wer diese Erfahrungen regelmäßig macht, entwickelt Vertrauen.
Wer sie dauerhaft vermisst, beginnt häufig, sich innerlich zurückzuziehen.
Deshalb ist Wertschätzung keine zusätzliche Aufgabe von Führung.
Sie ist Teil jeder Entscheidung.
Sie zeigt sich darin, wie Informationen weitergegeben werden.
Wie Konflikte geführt werden.
Wie Grenzen gesetzt werden.
Wie Belastungen angesprochen werden.
Wie Verantwortung übertragen wird.
Auch Klarheit kann wertschätzend sein.
Ein respektvoll formuliertes Nein ist häufig hilfreicher als ein ausweichendes Vielleicht.
Ebenso ist es wertschätzend, Erwartungen offen anzusprechen, statt Menschen im Unklaren zu lassen.
Wertschätzung bedeutet deshalb nicht, allen zuzustimmen.
Sie bedeutet, Menschen ernst zu nehmen.
Mit ihrer Erfahrung.
Mit ihrer Sichtweise.
Mit ihrer Verantwortung.
Und manchmal auch mit ihren Grenzen.
Unternehmen sprechen häufig darüber, wertschätzend sein zu wollen.
Die spannendere Frage lautet jedoch:
Woran merken Menschen das?
Nicht im Leitbild.
Nicht beim Sommerfest.
Sondern an einem gewöhnlichen Dienstagmorgen.
Wenn Entscheidungen getroffen werden.
Wenn Fehler passieren.
Wenn Zeitdruck entsteht.
Wenn Meinungen auseinandergehen.
Genau dort zeigt sich, ob Wertschätzung ein Begriff ist.
Oder eine Haltung.



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