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Eigenverantwortung braucht Handlungsspielraum

1. Okt.
4 Min. Lesezeit

„Unsere Mitarbeitenden müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen.“


Dieser Wunsch begegnet mir in Unternehmen immer wieder. Entscheidungen sollen nicht ständig nach oben weitergegeben werden, Mitarbeitende sollen mitdenken, Probleme frühzeitig erkennen und Verantwortung für ihren Arbeitsbereich übernehmen.

Das ist nachvollziehbar. Unternehmen brauchen Menschen, die nicht bei jeder Unsicherheit auf eine Anweisung warten.


Doch Eigenverantwortung lässt sich nicht allein einfordern.


Wer Verantwortung übernehmen soll, braucht auch einen Bereich, in dem er tatsächlich handeln darf.


Genau hier entsteht in Unternehmen manchmal ein Widerspruch. Mitarbeitende sollen selbstständig entscheiden, gleichzeitig werden ihre Entscheidungen eng kontrolliert. Sie sollen Initiative zeigen, erleben aber, dass Abweichungen vom gewohnten Vorgehen kritisch betrachtet werden. Sie sollen Verantwortung übernehmen, wissen jedoch nicht genau, wo ihr Entscheidungsspielraum endet.

Die Folge kann ein Verhalten sein, das Führung anschließend als mangelnde Eigenverantwortung erlebt: häufiges Nachfragen, Absicherung, Zurückhaltung oder das Weiterreichen von Entscheidungen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Organisation daran schuld ist. Manche Menschen geben Verantwortung tatsächlich lieber ab. Andere vermeiden Entscheidungen aus Gewohnheit oder möchten das Risiko einer Fehlentscheidung nicht tragen.


Eigenverantwortung hat deshalb immer zwei Seiten.


Das Unternehmen schafft einen Rahmen, in dem Verantwortung übernommen werden kann. Der einzelne Mensch entscheidet, ob er diesen Rahmen tatsächlich nutzt.

Beides gehört zusammen.


Handlungsspielraum ohne Verantwortungsübernahme führt nicht zu guter Zusammenarbeit. Umgekehrt bleibt die Forderung nach Eigenverantwortung unglaubwürdig, wenn wesentliche Entscheidungen ohnehin immer wieder zurückgenommen oder bis ins Detail kontrolliert werden.

Deshalb lohnt sich zunächst die Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir Eigenverantwortung verlangen?


Soll ein Mitarbeiter seine Aufgaben selbst organisieren? Darf er Prioritäten verändern? Kann er Kunden gegenüber Entscheidungen treffen? Darf eine Teamleitung Konflikte eigenständig bearbeiten? Welche finanziellen oder fachlichen Entscheidungen liegen innerhalb ihrer Rolle? Wann muss Führung informiert werden und wann nicht?


Je unklarer diese Grenzen sind, desto mehr Energie fließt in Absicherung.

Klare Zuständigkeiten engen dabei nicht zwangsläufig ein. Im Gegenteil: Eine klare Grenze macht häufig erst sichtbar, welcher Raum innerhalb dieser Grenze zur Verfügung steht.


Das ist vergleichbar mit einem Spielfeld. Erst wenn klar ist, wo das Feld endet und welche Regeln gelten, kann innerhalb dieses Rahmens eigenständig gehandelt werden.


Führung hat dabei eine besondere Verantwortung. Sie muss nicht jede Entscheidung vorgeben, aber sie muss deutlich machen, welche Entscheidungen aufgrund ihrer Rolle bei ihr verbleiben. Ebenso wichtig ist, dass Mitarbeitende nachvollziehbare Entscheidungen treffen dürfen, die nicht exakt der persönlichen Präferenz der Führungskraft entsprechen.


Denn wenn Eigenverantwortung nur dann akzeptiert wird, wenn ein Mitarbeitender genau so entscheidet, wie die Führungskraft selbst entschieden hätte, handelt es sich nur eingeschränkt um einen echten Entscheidungsspielraum.


Gleichzeitig darf Eigenverantwortung nicht mit völliger Freiheit verwechselt werden.

Ein Mensch, der Verantwortung übernimmt, muss Auswirkungen berücksichtigen, Absprachen einhalten, Informationen weitergeben und bei Unsicherheit erkennen, wann Rücksprache notwendig ist. Verantwortung bedeutet auch, eine getroffene Entscheidung erklären zu können und den eigenen Anteil anzuerkennen, wenn etwas nicht funktioniert.


Handlungsspielraum und Verantwortung gehören zusammen.


Das gilt auch für Fehler. Wer eigenständig entscheiden soll, wird nicht jede Entscheidung optimal treffen. Ein Unternehmen, das Eigenverantwortung fördern möchte, muss deshalb unterscheiden können zwischen einem nachvollziehbaren Fehler innerhalb eines vereinbarten Rahmens und fahrlässigem oder wiederholt verantwortungslosem Verhalten.


Ohne diese Unterscheidung entsteht schnell eine Kultur der Absicherung.

Menschen lernen dann: Bevor ich etwas falsch entscheide, frage ich lieber noch einmal nach.

Das reduziert kurzfristig Risiken. Langfristig kann es jedoch Führung überlasten und die Entscheidungsfähigkeit der Organisation schwächen.


Eigenverantwortung bedeutet deshalb nicht, Menschen allein zu lassen.

Sie bedeutet, Klarheit, Kompetenz und Handlungsspielraum miteinander zu verbinden.


Ein konkreter Handlungsrahmen: Ist Eigenverantwortung bei uns tatsächlich möglich?


Wenn Sie sich mehr Eigenverantwortung wünschen, lohnt sich vor der nächsten Aufforderung an die Mitarbeitenden ein kurzer Blick auf die bestehenden Bedingungen.


1. Verantwortung konkret benennen. Wofür soll die Person tatsächlich Verantwortung übernehmen? „Mehr Eigenverantwortung“ ist zu abstrakt. Benennen Sie Aufgaben, Entscheidungen und erwartete Ergebnisse.

2. Entscheidungsraum klären. Was darf die Person selbst entscheiden? Wo braucht es Rücksprache? Welche Grenzen sind fachlich, finanziell oder organisatorisch gesetzt? Je eindeutiger dieser Rahmen ist, desto leichter kann innerhalb davon gehandelt werden.

3. Prüfen, ob die notwendigen Voraussetzungen vorhanden sind. Verfügt die Person über Informationen, Kompetenz, Zeit und Zugänge, die sie für diese Verantwortung braucht? Verantwortung ohne die notwendigen Mittel führt schnell zu Überforderung oder Absicherung.

4. Entscheidungen auch wirklich zulassen. Prüfen Sie als Führungskraft: Muss ich eingreifen, weil eine Grenze überschritten wurde – oder lediglich, weil ich persönlich anders entschieden hätte? Dieser Unterschied ist entscheidend.

5. Verantwortung beim Mitarbeitenden lassen. Wenn Rahmen und Zuständigkeit geklärt sind, darf Führung erwarten, dass dieser Spielraum genutzt wird. Eigenverantwortung bedeutet auch, Entscheidungen zu treffen, Rückfragen gezielt zu stellen und für das eigene Handeln einzustehen.

Damit verändert sich auch die Frage, die Unternehmen stellen können.


Nicht nur:

„Warum übernehmen unsere Mitarbeitenden nicht mehr Verantwortung?“

Sondern ebenso:

„Ist bei uns klar, welche Verantwortung sie tatsächlich übernehmen können – und lassen wir sie diese auch tragen?“

Erst wenn beide Seiten beantwortet werden, wird aus der Forderung nach Eigenverantwortung eine gelebte Arbeitsweise.


Denn starke Teams entstehen nicht dadurch, dass Führung alles kontrolliert.

Und auch nicht dadurch, dass jeder macht, was er möchte.


Sie entstehen dort, wo Menschen ihren Verantwortungsbereich kennen, Handlungsspielraum haben und bereit sind, ihn verantwortlich auszufüllen.

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