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Führung bedeutet nicht, für alles eine Lösung zu haben

23. Sept.
4 Min. Lesezeit

„Was sollen wir jetzt machen?“ Für Führungskräfte ist diese Frage Alltag. Mitarbeitende kommen mit Problemen, Entscheidungen, Konflikten oder Situationen, in denen sie nicht weiterwissen. Und natürlich gehört es zur Führungsverantwortung, Orientierung zu geben und Entscheidungen zu treffen. Doch daraus kann sich unbemerkt ein Muster entwickeln: Für jedes Problem wird die Lösung bei der Führungskraft gesucht.


Anfangs wirkt das effizient. Die Führungskraft kennt das Unternehmen, verfügt über Erfahrung und kann schnell entscheiden. Das Problem ist gelöst und die Arbeit geht weiter. Wenn sich dieses Muster jedoch wiederholt, verändert es die Zusammenarbeit. Mitarbeitende lernen, bei Unsicherheit nach oben zu fragen. Führungskräfte lernen gleichzeitig, Probleme möglichst schnell selbst zu lösen. Je häufiger das geschieht, desto selbstverständlicher wird diese Arbeitsteilung.


Irgendwann entsteht auf beiden Seiten Frustration. Die Führungskraft erlebt: „Ich muss mich wirklich um alles kümmern.“ Die Mitarbeitenden erleben möglicherweise gleichzeitig: „Ohne Rücksprache darf ich ohnehin nichts entscheiden.“


Beides kann gleichzeitig wahr sein.


Abhängigkeit in Führung entsteht häufig nicht durch eine einzelne Entscheidung, sondern durch wiederkehrende Interaktionen.


Das bedeutet nicht, dass Führungskräfte sich aus Entscheidungen zurückziehen sollten. Es gibt Situationen, in denen eine klare Entscheidung notwendig ist. Führung trägt Verantwortung für Prioritäten, Ressourcen, Rahmenbedingungen und für Entscheidungen, die aufgrund der jeweiligen Rolle nicht delegiert werden können.


Aber nicht jedes Problem, das bei einer Führungskraft landet, braucht auch eine Lösung von ihr. Manchmal fehlt einem Mitarbeitenden lediglich eine Information. Manchmal braucht es eine Priorität oder eine Entscheidung über den Rahmen. Und manchmal braucht ein Mensch vor allem die Möglichkeit, seine eigene Einschätzung zu prüfen.


Dieser Unterschied ist wichtig. Denn wenn Führung auf jede Frage sofort mit einer Lösung reagiert, übernimmt sie möglicherweise Verantwortung, die eigentlich beim Mitarbeitenden liegen könnte. Das entlastet kurzfristig. Langfristig kann genau dieses Verhalten jedoch Eigenverantwortung schwächen.

Eine kleine Veränderung im Gespräch kann bereits einen Unterschied machen. Statt auf „Was soll ich jetzt machen?“ sofort eine Antwort zu geben, könnte die erste Frage lauten: „Was würden Sie tun, wenn Sie selbst entscheiden müssten?“


Diese Frage ist keine Methode, um Probleme möglichst schnell zurückzugeben. Sie macht zunächst sichtbar, ob die Person tatsächlich keine Lösung hat oder lediglich Sicherheit für eine bereits vorhandene Einschätzung sucht. Oft haben Mitarbeitende durchaus eine Idee. Sie sind sich nur nicht sicher, ob sie entscheiden dürfen.


Dann liegt das eigentliche Problem nicht im fehlenden Wissen, sondern möglicherweise in einem unklaren Entscheidungsrahmen. Und genau hier beginnt Führungsarbeit.


Eigenverantwortung braucht Klarheit darüber, wofür jemand tatsächlich verantwortlich ist.


Wer nicht weiß, welche Entscheidungen er treffen darf, wird häufiger fragen. Wer wiederholt erlebt hat, dass eigene Entscheidungen nachträglich korrigiert oder kritisiert werden, wird sich stärker absichern. Und wer bei Fehlern persönliche Abwertung erlebt, wird verständlicherweise versuchen, Risiken zu vermeiden.


Deshalb reicht es nicht, Mitarbeitenden zu sagen: „Übernehmen Sie mehr Verantwortung.“ Führung muss gleichzeitig prüfen, ob die Bedingungen dafür vorhanden sind. Sind Zuständigkeiten klar? Sind Entscheidungsspielräume bekannt? Ist deutlich, wann Rücksprache erforderlich ist? Können Mitarbeitende nachvollziehbare Entscheidungen treffen, auch wenn die Führungskraft selbst vielleicht anders entschieden hätte?


Diese Fragen sind wichtig, weil sie Verantwortung nicht ausschließlich bei den Mitarbeitenden suchen. Gleichzeitig gilt auch die andere Seite: Ein klarer Entscheidungsrahmen entbindet Mitarbeitende nicht davon, ihn tatsächlich zu nutzen. Wer über die notwendigen Informationen und Kompetenzen verfügt und innerhalb seiner Rolle entscheiden darf, trägt auch Verantwortung dafür, Entscheidungen nicht dauerhaft nach oben weiterzugeben.


Eigenverantwortung funktioniert nur, wenn beide Seiten ihren Anteil übernehmen.


Führung bedeutet deshalb nicht, sich überflüssig zu machen. Im Gegenteil: Je eigenverantwortlicher Menschen arbeiten sollen, desto wichtiger werden klare Prioritäten, verlässliche Rahmenbedingungen und eine Führungskraft, die erkennt, wann sie eingreifen muss und wann nicht.


Dazu gehört auch, etwas sagen zu können, was manchen Führungskräften schwerfällt: „Das weiß ich im Moment nicht.“ Dieser Satz ist nicht automatisch ein Zeichen von Unsicherheit. Entscheidend ist, was danach geschieht.


„Das weiß ich im Moment noch nicht. Ich kläre es und gebe Ihnen morgen eine Rückmeldung“ vermittelt etwas anderes als ein Ausweichen vor Verantwortung. Ebenso kann eine Führungskraft sagen: „Dafür habe ich im Moment keine bessere Lösung als Sie. Welche Möglichkeiten sehen Sie?“


Führung muss nicht allwissend sein, um Orientierung zu geben. Sie muss verlässlich damit umgehen, was sie weiß, was sie noch nicht weiß und wofür sie verantwortlich ist.


Ein konkreter Handlungsrahmen: Bevor Sie die Lösung geben


Wenn Mitarbeitende mit einem Problem oder einer Entscheidung zu Ihnen kommen, lohnt sich ein kurzer innerer Stopp. Vier Fragen helfen dabei zu unterscheiden, welche Form von Führung gerade tatsächlich gebraucht wird.


1. Was ist das konkrete Problem? Lassen Sie die Situation zunächst beschreiben. Nicht jedes geschilderte Problem ist bereits das eigentliche Problem. Manchmal fehlt lediglich eine Information, manchmal eine Priorität und manchmal tatsächlich eine Entscheidung.


2. Welche Lösung sieht die Person selbst? Fragen Sie beispielsweise: „Welche Möglichkeiten sehen Sie?“ oder „Was würden Sie aus Ihrer Sicht tun?“ Damit wird sichtbar, welche Kompetenz und Einschätzung bereits vorhanden sind und wo tatsächlich Unterstützung benötigt wird.


3. Wer trägt die Entscheidung? Gehört sie zur Rolle des Mitarbeitenden, braucht er möglicherweise lediglich Rückendeckung oder einen klareren Rahmen. Gehört sie zur Führungsverantwortung, sollte die Führungskraft die Entscheidung jedoch nicht unter dem Deckmantel von Eigenverantwortung nach unten zurückgeben.


4. Was braucht die Person jetzt, um weiterzukommen? Eine Entscheidung? Eine Information? Eine Priorität? Einen klareren Handlungsspielraum? Oder ein gemeinsames Nachdenken? Erst diese Unterscheidung zeigt, welche Unterstützung tatsächlich sinnvoll ist.


Dieser Gesprächsrahmen muss nicht länger dauern als eine schnelle Antwort. Er verändert jedoch einen entscheidenden Punkt: Wer denkt – und wer übernimmt Verantwortung?


Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Führung und dauerhafter Problemlösung. Eine Führungskraft muss nicht jede Antwort kennen. Sie sollte jedoch dafür sorgen, dass klar ist, wer die Antwort finden oder die Entscheidung treffen muss.


Denn gute Führung zeigt sich nicht darin, möglichst viele Probleme selbst zu lösen. Sie schafft einen verlässlichen Rahmen, in dem Menschen ihre eigenen Verantwortungsbereiche zunehmend sicher und eigenständig ausfüllen können.

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