top of page

Wertschätzung zeigt sich auch im Widerspruch

vor 2 Tagen
4 Min. Lesezeit

Eine Mitarbeiterin bringt einen Einwand ein. Ihre Führungskraft hört zu, fragt nach und entscheidet anschließend anders. Die Mitarbeiterin ist enttäuscht. Bedeutet das bereits, dass ihre Perspektive nicht wertgeschätzt wurde?


Eine andere Führungskraft vermeidet seit Wochen ein notwendiges Gespräch. Wiederholt wurden Absprachen nicht eingehalten, und das Team muss die Folgen auffangen. Sie möchte den betreffenden Mitarbeiter nicht verletzen und spricht das Thema deshalb nur beiläufig an. Ist diese Zurückhaltung wertschätzend?


Beide Situationen zeigen, wie unterschiedlich der Begriff verstanden werden kann. Für manche bedeutet Wertschätzung, Zustimmung zu erfahren. Andere verbinden damit einen möglichst freundlichen Umgang, bei dem Kritik vorsichtig formuliert und Spannung vermieden wird.


Doch im Arbeitsalltag müssen Menschen auch widersprechen, Leistungen besprechen und Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen.


Wertschätzung muss deshalb auch dann erkennbar bleiben, wenn Einigkeit gerade nicht möglich ist.


Wer einen Einwand ernst nimmt, muss ihm nicht automatisch folgen. Eine Führungskraft kann eine andere Entscheidung treffen und trotzdem erklären, welche Überlegungen dafür ausschlaggebend waren. Ebenso kann ein Mitarbeiter eine Entscheidung kritisch sehen und dennoch respektvoll mit der verantwortlichen Person umgehen.


Entscheidend ist, was zwischen den Beteiligten geschieht. Wird die andere Position geprüft? Bleibt die Sprache sachlich? Werden Gründe nachvollziehbar gemacht? Oder wird aus einem fachlichen Unterschied eine Bewertung des Menschen?


„Sie sehen immer nur Probleme“ ist etwas anderes als: „Ich verstehe Ihre Bedenken. Für die Entscheidung müssen wir zusätzlich diese beiden Anforderungen berücksichtigen.“


Im ersten Satz wird der Person eine grundsätzliche Haltung zugeschrieben. Im zweiten bleibt das Gespräch bei der Sache. Das garantiert keine Zustimmung, schafft aber eine bessere Grundlage für die weitere Klärung.


Ein Mensch kann mit seiner Einschätzung falsch liegen und trotzdem respektvoll behandelt werden.


Das gilt ebenso, wenn Erwartungen nicht erfüllt wurden. Wertschätzung bedeutet nicht, wiederholte Versäumnisse zu übergehen. Wenn Absprachen unzuverlässig eingehalten werden, betrifft das häufig weitere Menschen: Kollegen müssen nacharbeiten, Informationen fehlen oder Kunden warten auf eine Antwort.


Ein klares Gespräch berücksichtigt deshalb sowohl die betreffende Person als auch diejenigen, die mit den Auswirkungen umgehen müssen. Wird eine notwendige Rückmeldung dauerhaft vermieden, bleibt die Belastung möglicherweise bei anderen im Team.


Dabei macht es einen Unterschied, ob die Rückmeldung konkret oder pauschal erfolgt. „Auf Sie kann man sich nicht verlassen“ bewertet die Person insgesamt. „Die vereinbarten Informationen haben bei den letzten beiden Übergaben gefehlt. Dadurch musste die nachfolgende Schicht Rückfragen klären“ beschreibt ein überprüfbares Verhalten und dessen Auswirkungen.


Anschließend braucht es Raum für die Perspektive des Mitarbeiters. War die Absprache eindeutig? Waren die Informationen verfügbar? Gab es einen Zielkonflikt? Oder wurde eine klare Vereinbarung tatsächlich nicht ausreichend beachtet?


Zuhören kann die Einschätzung verändern. Es kann aber auch bestätigen, dass eine Erwartung erneut verbindlich ausgesprochen werden muss.


Eine respektvolle Klärung verbindet Offenheit für die Erklärung mit Klarheit über die Verantwortung.


Auch Mitarbeitende tragen dazu bei. Wer Wertschätzung erwartet, sollte bereit sein, die Perspektive anderer zu prüfen und den eigenen Anteil anzuerkennen. Eine sachliche Rückmeldung darf unangenehm sein, ohne deshalb bereits respektlos zu sein.


Gleichzeitig sollte die Aufforderung, „Kritik aushalten zu können“, keinen abwertenden Umgang rechtfertigen. Bloßstellung, persönliche Angriffe oder spöttische Bemerkungen werden nicht dadurch angemessen, dass ein fachliches Anliegen dahintersteht. Inhalt und Form müssen jeweils betrachtet werden.


Besonders relevant wird diese Unterscheidung bei Machtunterschieden. Führungskräfte entscheiden unter anderem über Aufgaben, Prioritäten und Beurteilungen. Ihre Worte haben deshalb ein anderes Gewicht als eine beiläufige Bemerkung unter Kollegen. Ein kritisches Gespräch gehört in einen passenden Rahmen und sollte der Klärung dienen.


Wertschätzung zeigt sich außerdem darin, was nach einer Meinungsverschiedenheit geschieht. Kann weiterhin sachlich zusammengearbeitet werden? Werden wichtige Informationen unverändert weitergegeben? Oder wird ein Widerspruch später durch Distanz, Ausschluss oder wiederholte Spitzen beantwortet?


Eine Kultur des respektvollen Austauschs entsteht durch solche Erfahrungen. Menschen beobachten, ob eine andere Auffassung tatsächlich Platz hat und ob eine getroffene Entscheidung anschließend verbindlich gilt.


Nicht jede Frage muss erneut geöffnet werden. Wenn eine Entscheidung nach Prüfung feststeht, darf das benannt werden. Ebenso sollte klar sein, welche neuen Informationen eine erneute Betrachtung notwendig machen würden.


Ein konkreter Handlungsrahmen: Klar bleiben, ohne abzuwerten


1. Das Anliegen konkret benennen. Welche Aussage, Handlung oder Vereinbarung möchten Sie besprechen? Vermeiden Sie pauschale Zuschreibungen wie „immer schwierig“ oder „grundsätzlich unzuverlässig“.

2. Die Auswirkungen erklären. Was bedeutet die Situation für Aufgaben, Zusammenarbeit oder andere Beteiligte? Damit wird nachvollziehbar, weshalb das Thema angesprochen werden muss.

3. Die andere Perspektive prüfen. Fragen Sie nach Informationen und Zusammenhängen, die Ihnen möglicherweise fehlen. Zuhören ist besonders dann hilfreich, wenn die eigene Bewertung bereits festzustehen scheint.

4. Entscheidung und Erwartung deutlich machen. Was bleibt offen? Was ist entschieden? Welches Verhalten wird künftig erwartet? Respektvolle Sprache sollte die Verbindlichkeit der Aussage erhalten.

5. Die weitere Zusammenarbeit sichern. Vereinbaren Sie, wie es weitergeht und wann eine Rückmeldung sinnvoll ist. Eine Meinungsverschiedenheit sollte nicht in unausgesprochenen Spannungen fortgesetzt werden.


Eine wertschätzende Unternehmenskultur braucht Menschen, die einander ernst nehmen und schwierige Themen ansprechen können. Dazu gehört die Bereitschaft, sowohl Kritik zu geben als auch die eigene Position überprüfen zu lassen.


Wie wir mit Menschen umgehen, deren Auffassung wir nicht teilen, macht unsere Haltung im Arbeitsalltag sichtbar.


Werden schwierige Themen in Ihrem Unternehmen klar angesprochen – oder bleiben sie aus Sorge vor Konflikten lange ungeklärt?


Ich unterstütze Unternehmen dabei, wiederkehrende Kommunikationsmuster zu verstehen, Erwartungen zu klären und einen respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Positionen zu entwickeln.

Kommentare


bottom of page