top of page

Wenn Hilfsbereitschaft zur stillen Zuständigkeit wird

4. Okt.
3 Min. Lesezeit

Eine Kollegin übernimmt kurzfristig eine zusätzliche Aufgabe. Sie kennt den Ablauf, findet eine Lösung und sorgt dafür, dass nichts liegen bleibt. Beim nächsten Mal wird sie wieder gefragt. Einige Wochen später fragt niemand mehr. Die Aufgabe landet inzwischen selbstverständlich bei ihr.


So kann aus einer hilfreichen Geste eine stille Zuständigkeit entstehen. Es gab keine bewusste Entscheidung, keine Anpassung ihrer Aufgaben und kein Gespräch darüber, ob sie dafür überhaupt Kapazität hat. Trotzdem wird inzwischen erwartet, dass sie sich kümmert.


Was jemand zuverlässig erledigt, wird schnell zu dem, wofür andere ihn verantwortlich halten.


Das muss keine böse Absicht sein. Im Arbeitsalltag greifen Menschen auf Lösungen zurück, die funktionieren. Wer ansprechbar ist, Zusammenhänge kennt und schnell hilft, wird häufiger einbezogen. Gerade unter Zeitdruck erscheint es einfacher, die vertraute Person zu fragen, als die eigentliche Zuständigkeit zu klären.


Für Unternehmen kann das zunächst praktisch wirken. Aufgaben werden erledigt, Lücken geschlossen und Schwierigkeiten aufgefangen. Problematisch wird es, wenn diese Unterstützung dauerhaft nötig ist, aber weiterhin als freiwillige Hilfsbereitschaft behandelt wird.


Dann entsteht eine Aufgabenverteilung, die auf dem Papier anders aussieht als im Alltag. Eine Person organisiert nebenbei die Übergaben. Eine andere beantwortet regelmäßig Fragen, für die eigentlich die Teamleitung zuständig wäre. Wieder jemand vermittelt bei Spannungen, erinnert an Absprachen oder arbeitet Fehler nach, die an anderer Stelle entstehen.


Solche Beiträge können wertvoll sein. Sie sollten jedoch sichtbar werden. Denn auch das Nachhalten, Erklären, Vermitteln und Mitdenken beansprucht Zeit und Aufmerksamkeit. Wer diese Arbeit übernimmt, kann dieselbe Zeit nicht gleichzeitig für die eigenen Aufgaben nutzen.


Hilfsbereitschaft schafft keine zusätzlichen Stunden.


Besonders schwierig wird es, wenn ein bisher hilfsbereiter Mensch irgendwann eine Grenze setzt. „Das kann ich heute nicht übernehmen“ wird dann möglicherweise als mangelnde Kollegialität verstanden. Dabei hat sich nicht zwingend seine Haltung verändert. Vielleicht benennt er erstmals eine Grenze, die schon länger erreicht war.


Die Enttäuschung im Umfeld zeigt dann, dass aus der freiwilligen Unterstützung längst eine Erwartung geworden ist. Der Mensch wird nicht mehr nur um Hilfe gebeten. Es wird vorausgesetzt, dass er verfügbar ist.


Deshalb reicht der Hinweis „Dann müssen Sie eben öfter Nein sagen“ allein nicht aus. Natürlich gehört es zur persönlichen Verantwortung, die eigene Kapazität anzusprechen und Zusagen bewusst zu treffen. Gleichzeitig braucht es einen organisatorischen Rahmen, in dem Aufgaben nicht dauerhaft bei denjenigen landen, die am seltensten widersprechen.


Auch Führung sollte deshalb genauer hinsehen. Wer fängt regelmäßig auf, was andernorts liegen bleibt? Welche Abläufe funktionieren nur, weil eine bestimmte Person zusätzlich mitdenkt? Und welche Aufgaben würden sichtbar werden, wenn diese Person eine Woche lang ausschließlich ihren vereinbarten Verantwortungsbereich bearbeiten würde?


Diese Fragen sollen Unterstützung nicht verhindern. Ein Team, in dem niemand über die eigene Stellenbeschreibung hinaus hilft, wäre im Alltag wenig beweglich. Entscheidend ist vielmehr, zwischen gelegentlichem Einspringen und einer dauerhaft notwendigen Aufgabe zu unterscheiden.

Wird eine Unterstützung regelmäßig gebraucht, sollte darüber entschieden werden. Vielleicht gehört die Aufgabe künftig tatsächlich zu dieser Person. Dann braucht es eine ausdrückliche Vereinbarung, passende Befugnisse und eine realistische Anpassung ihrer übrigen Aufgaben. Vielleicht muss sie aber auch an die ursprüngliche Zuständigkeit zurückgegeben oder im Team anders verteilt werden.


Eine dauerhaft notwendige Aufgabe braucht eine bewusst vereinbarte Zuständigkeit.


Das schützt auch die Zusammenarbeit. Wenn ein Teil des Teams regelmäßig zusätzliche Arbeit übernimmt, während andere sich auf ihre vereinbarten Aufgaben beschränken, können Spannungen entstehen. Die einen fühlen sich allein gelassen. Die anderen verstehen möglicherweise gar nicht, weshalb plötzlich Unzufriedenheit entsteht. Ohne ein Gespräch darüber bleibt die tatsächliche Aufgabenverteilung unsichtbar.


Wertschätzung bedeutet an dieser Stelle mehr als ein freundliches Dankeschön. Sie zeigt sich auch darin, zusätzliche Arbeit wahrzunehmen, Kapazitäten zu berücksichtigen und eine Grenze zu respektieren. Anerkennung ersetzt keine Klärung, wenn eine Aufgabe dauerhaft übernommen werden soll.


Ein konkreter Handlungsrahmen: Wo ist Unterstützung zur Erwartung geworden?


1. Die tatsächliche Arbeit sichtbar machen. Fragen Sie im Team: Welche Aufgaben übernehmen Sie regelmäßig zusätzlich? Berücksichtigen Sie auch das Erinnern, Erklären, Koordinieren und Nacharbeiten. Es geht zunächst um einen Überblick, nicht um eine Bewertung einzelner Personen.

2. Unterstützung und Zuständigkeit unterscheiden. Prüfen Sie bei wiederkehrenden Aufgaben, wer offiziell verantwortlich ist und wer sie tatsächlich erledigt. Wenn beides auseinanderliegt, braucht es eine Klärung.

3. Kapazität mitbesprechen. Wenn eine zusätzliche Aufgabe dauerhaft übernommen werden soll, klären Sie auch: Was wird dafür reduziert, anders verteilt oder später erledigt? Eine neue Zuständigkeit lässt sich nicht allein durch die Erwartung schaffen, noch etwas schneller zu arbeiten.

4. Eine konkrete Vereinbarung treffen. Benennen Sie, wer die Aufgabe künftig übernimmt, welche Unterstützung benötigt wird und wann die Regelung überprüft wird. Auch Vertretungen sollten klar sein.

5. Grenzen im Alltag respektieren. Eine geklärte Zuständigkeit hilft wenig, wenn weiterhin jede Anfrage bei derselben hilfsbereiten Person landet. Führung und Team tragen gemeinsam Verantwortung dafür, die Vereinbarung tatsächlich zu nutzen.


Hilfsbereitschaft ist eine Stärke. Damit sie erhalten bleibt, braucht sie einen Rahmen, in dem Unterstützung freiwillig möglich ist und dauerhafte Verantwortung bewusst verteilt wird.


Gute Zusammenarbeit braucht einen klaren Blick darauf, wer welche Aufgaben übernimmt – und ob diese Verteilung auf Dauer funktioniert.

Kommentare


bottom of page